Der Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum

 Patrick Fiedel, 2017

 

Da steht er nun, in ganzer Pracht,

 der Weihnachtsbaum, es ist vollbracht.

 

Der Vater sitzt ganz schweißgebadet,

 von oben bis unten vollgenadelt,

 erschöpft und still im Nadelmeer,

 atmet schwer und kann nicht mehr.

 

 Die Mutter doch beim Kauf schon klagte,

 und es nicht nur einmal sagte,

 dass so ein dicker Stamm,

 doch nie und nimmer passen kann.

 

Ach, das passt schon, wirst schon sehen,

 sprach der Vater schon im Gehen.

Zuhause dann, wie soll es sein,

 der Baum passt einfach nicht hinein.

 

 Der Christbaumständer knackt und knarzt,

 zum Dank ist Vater voller Harz.

 Nachdem der Baum ist angeflucht,

 wird nach Lösungen gesucht.

 

 Der Vater gibt so schnell nicht auf,

 steigt zum Dachboden hinauf,

 und kehrt wieder vollgepackt,

 hat Beil und Säge mitgebracht.

 

Es wird gesägt und auch gehackt,

 geflucht, geschwitzt, nach Luft geschnappt.

 Dann hat der Vater es geschafft,

 der Baum nun in den Ständer passt.

 

Kahle Stellen werden verdeckt,

 indem der Vater Zweige steckt.

 Genug davon sind ja am Boden,

 er muss sich einfach selber loben,

 wie schön er das hat hinbekommen,

 nun kann Heiligabend kommen.

 

Mit letzter Kraft steht Vater auf,

 nimmt die Schmerzen gern in Kauf,

 und schafft es mit der Schritte drei,

 an Dreck und Werkzeugen vorbei.

 

So schleppt er sich gar heldengleich,

 zum Ruheort und landet weich.

 

 Von Mutter wird der Baum gedreht,

 weil er ziemlich schief dasteht.

 Die Weihnachtsspitze zeigt zur Wand,

 die Mutter schluchzt in ihre Hand.

 

Doch der Vater schlummert schon,

 auf seinem wohlverdienten Thron.

 Ist zufrieden, auch im Traum,

 Das Radio spielt „Oh Tannenbaum“.

 


Der Weihnachtsbaum - die Fortsetzung

Patrick Fiedel, 2018

 

Da steht er wieder, in voller Pracht,

der Vater hat’s erneut vollbracht,

ein wahr gewordener Weihnachtstraum,

der wunderschöne Weihnachtsbaum.

 

Vater ist nicht schweißgebadet,

diesmal hat auch nichts genadelt,

verfolgte er doch neue Taktik,

und kaufte einen Baum aus Plastik.

 

Keine Werkzeuge am Boden,

diesmal muss ihn Mutter loben,

keine kahlen Stellen mehr,

das gefällt ihr sicher sehr.

 

Die Spitze ist auch gar nicht krumm,

er tänzelt um den Baum herum,

dann schwingt er sich als Ruhelohn,

auf seinen alten Sesselthron.

 

Die Mutter kommt von nebenan,

schaut verblüfft den Baum sich an,

verweilt Minuten ohne Bange,

traut sich dann zur Plastiktanne,

fasst vorsichtig die Zweige an,

die Nadeln fühlen sich seltsam an.

 

Dann, nach kurzem Traurigsein,

lässt sie sich nun ganz drauf ein,

schmückt nun ihren neuen Baum,

Vater erwacht aus seinem Traum,

schaut aus seinem Sessel raus,

die Mutter sieht gar freudlos aus.

 

Keine Worte spricht sie klagend,

schnell kommt der Tage Abend,

so beide sich zum Schlafe legen,

wird die Mutter ganz verlegen,

auf des Vaters Frage hin,

wie sie denn den Baum nun find.

 

„Er ist so gerade, nadelt nicht“,

hört der Vater, wie sie spricht.

„Und du musstest auch nicht fluchen,

also will ich es versuchen.

Nun schlafe wohl und gute Nacht.“

Flux hat sie die Augen zugemacht.

 

Der Vater doch, kommt nicht zur Ruh,

bekommt einfach kein Auge zu,

blickt zum Fenster still hinaus,

dann reißt er weit die Lider auf.

 

Leise steht der Vater auf,

schleicht sich aus dem Haus heraus,

fährt durch Schnee und Dunkelheit,

erreicht nach einer Ewigkeit,

den Baumverkauf zum Selberschlagen,

klopft eifrig an den Kassenwagen.

 

In diesem geht ein Lichtlein an,

es steht vor ihm ein großer Mann,

was er denn will zu dieser Zeit,

der Vater ist erklärbereit,

zeigt mit dem Finger durch den Zaun,

auf den schönsten Weihnachtsbaum.

 

Schnell ist des Mannes Herz berührt,

der Vater durch den Zaun geführt,

mit einer Hand am dicken Stamm,

setzt er schnell die Säge an,

sodann zum Schluss, nimmt er das Beil,

der Mann zählt all das Geld derweil.

 

Flott wird der Baum ins Netz gewunden,

und aufs Autodach gebunden,

die Wagentür beim Schließen knarzt,

am Lenkrad klebt nun all das Harz,

des Baumes Nadeln auf den Sachen,

Vater muss nun herzlich lachen.

 

In sternenklarem Vollmondschein,

schleicht er zurück ins Haus hinein,

drückt die Tanne fest an sich,

die Nadeln stechen sein Gesicht,

schnell hat der Vater es geschafft,

dass der Baum zum Ständer passt,

vor Freude möchte er laut schreien,

doch er muss noch leise sein.

 

Nun steht er vor dem Plastikbaume,

die Mutter ist noch tief im Traume,

und hängt die Kugeln ganz geschwind,

von einem Baum zum anderen hin.

 

Er nimmt den Kunstbaum, pack ihn weg,

schiebt den neuen an seinen Fleck.

Es fehlt der Christbaumspitze Stern,

die nimmt der Vater allzu gern,

und setzt sie gleich ganz vorsichtig,

auf den Baum und freut sich inniglich.

 

Die Mutter kommt und reibt die Augen,

sie kann das Wunder gar nicht glauben,

ihr fehlen Luft und jedes Wort,

reglos steht sie, will nicht fort,

muss sich stützen leicht am Tisch,

fragt den Vater: „Nur für mich?“

 

Dieser flüstert: „Ja, nun, im Grunde,

gestern, heut, zu jeder Stunde,

zählt sozusagen an und für sich,

an erster Stelle nur für mich,

dass du wirklich glücklich bist.“

 

Mutter fühlt sich wie im Traum,

küsst Vater vor dem Tannenbaum.